Geistliches Wort zum 3. Sonntag der Osterzeit

Pastoralreferentin Jessica Lammerse 

Johannesevangelium 21, 1-14 

 

Das Evangelium des heutigen Sonntags spielt sich in Galiläa ab, genauer gesagt am See von Tiberias, bekannter als See Genezareth. Hier hatte damals auch alles begonnen, hier wurden die Jünger von Jesus berufen ihm nachzufolgen und „Menschenfischer“ zu werden. Sieben der Jünger Jesu sind nun wieder zusammen, aber man spürt nicht viel von österlicher Freude, von Zuversicht und Aufbruchsstimmung. Irgendwie hat man das Gefühl, die Jünger wüssten nun auch nicht so Recht wie es weitergehen soll. Sie hatten den Auferstandenen gesehen – sogar zweimal-, mit ihm gesprochen und sind von ihm ausgesandt worden Sünden zu vergeben. Und nun? Nun sind sie zurück, zurück von Jerusalem nach Galiläa, wo sie einst Fischer waren. Es scheint so als wollten sie dort wieder anknüpfen, wo sie vor der ersten Jesusbegegnung aufgehört hatten.  

 

Sie sitzen zusammen und Petrus ergreift die Initiative: „Ich gehe fischen“, und die anderen folgen ihm. Wahrscheinlich sind alle froh, dass einer entscheidet, etwas in die Hand nimmt und tätig wird. Und so sitzen sie wieder in ihrem Fischerboot und man könnte sagen: der Alltag hat sie wieder. Nur leider verläuft der Start in den Alltag nicht so erfolgreich, wie sie es sich gewünscht hätten. Die Netze bleiben leer. Als es schon Morgen wird, haben sie immer noch nichts gefangen.  

 

Diese Situation kann ich mir ganz gut vorstellen, sie ist uns auch heute -glaube ich- nicht fremd. Wenn man nicht so richtig weiß, wie man mit einer neuen Situation umgehen soll, verfällt man schnell wieder in den gewohnten Alltagstrott. Das bietet Sicherheit, da sind die Abläufe klar und man kann auch nicht viel falsch machen. Dagegen: Aufbruch, Neues wagen, den Auftrag des HERRN mutig anpacken – oh Gott, wie denn? Da ist es einfacher wieder in sein bekanntes Fischerboot zu steigen – oder im übertragenen Sinn: sich hinter das Laptop zu verkriechen, die Küche zu putzen, den Rasen zu mähen, sich einfach den Alltagspflichten hinzugeben.  Und ja, ich finde auch wir als Kirche kennen dieses Verhaltensmuster – schön im Alltag verharren, das Gewohnte beibehalten und viel zu selten darüber nachdenken: Wozu hat der HERR uns berufen? Wozu sind wir als Kirche in der Welt? Was ist mein Auftrag? Könnte es sein, dass ich in meinem gewohnten Fischerboot diesem Auftrag nicht mehr richtig gerecht werden kann? Aber gut, vor lauter Alltag bleibt ja auch echt keine Zeit darüber nachzudenken. Und so fischen wir die ganze Nacht und -die Netze bleiben leer.  

 

In diese Situation hinein kommt nun Jesus an das Ufer. Die Jünger erkennen ihn nicht, das zieht sich durch alle österlichen Begegnungen hindurch: erst bestimmte Worte oder Zeichenhandlungen Jesu öffnen den Jüngern die Augen, egal wie oft sie ihn schon als Auferstandenen gesehen haben. Aber die Jünger hören auf den Tipp des Fremden – sie werfen tatsächlich die Netze noch einmal aus, auf der rechten Seite wie es ihnen der Mann am Ufer rät. Vielleicht haben sie schon so eine Ahnung, sicherlich erinnert sie diese Nacht und Begegnung an die Nacht vor einigen Jahren, in der sie auch nichts gefangen hatten und 

in der Jesus ihnen dann die Stelle nannte wohin sie mit ihrem Boot auf dem See fahren sollten, um die Netze auszuwerfen. Und sie erinnern sich an die übervollen Netze, die sie damals kaum in ihre Boote bekamen. (Lukasevangelium 5,1ff.) Und tatsächlich scheint sich dieses Erlebnis zu wiederholen: Auch jetzt sind die Netze wieder so voll, dass sie sie nicht wieder einholen können. 

Jesus tritt in den Alltag der Jünger hinein -unbemerkt- aber mit seiner ganzen Macht und Stärke. Die Macht Jesu wird für die Jünger in ihrem Alltag erkennbar und erlebbar. Er nutzt das, was die Jünger kennen, wo sie sich sicher fühlen, ihren Beruf, ihre Lebensgrundlage, als Zeichen für seine Größe und Macht. Letztlich auch als Zeichen für sich selbst. Denn am vollen Netzt schließlich erkennen sie den HERRN. Diese Fülle, mitten im Alltag, die kann nur einer geben! 

 

Jesus wirft ihnen nicht vor, dass sie wieder ihrem Alltagsgeschäft nachgegangen sind, dass sie augenscheinlich nicht unterwegs sind in alle Welt, um das Evangelium zu verkünden und Sünden zu vergeben. Er teilt den Alltag in diesem Moment mit ihnen, er hat ein Feuer gemacht, Frühstück bereitet und isst nun mit ihnen zusammen Brot und Fisch.  

Ich finde das ist auch für uns ein herrliches Bild: Selbst dann, wenn wir unserer Berufung oder unserem Auftrag nicht zu hundert Prozent nachkommen, wenn wir zu ängstlich, zu verstockt, zu bequem, zu … was auch immer sind, so wendet Jesus sich nicht von uns ab. Er bleibt am Rand unseres Alltags, am Ufer, stehen und bereitet das Lagerfeuer vor. Er zeigt uns die Fülle -das Reich Gottes- mitten im Alltagtrott, sogar wenn der Alltag von Misserfolg durchzogen ist. Er bleibt unerkannt, vielleicht manchmal sogar unbemerkt, aber er ist da mit all seiner Macht. Er teilt mit uns Brot und Fisch am Lagerfeuer und stärkt uns nach getaner Arbeit, mitten im Alltag, für den Alltag.  

 

Und vielleicht kann ich dann und wann auf den Ruf eines Fremden hören, das Netz neu auswerfen und mich überwältigen lassen von der Fülle, die mir geschenkt wird. Ich will mich gerne überraschen lassen durch wen ER alles zu mir spricht, welche Zeichen SEINER Fülle ich in meinem Leben und Alltag entdecken kann und vielleicht gelingt mir dann ein Alltag mit immer wieder neuen Aufbrüchen und Auferstehung mitten im Leben.  

 

Möglicherweise ist die Zeit dafür im Moment gar nicht so schlecht: Wir sehnen uns sehr nach dem ganz normalen Alltag, und wissen alle nicht wie lange die Krise noch dauert und der Alltag noch ausbleiben muss. Das ist schrecklich und trifft viele Menschen so hart wie nichts zuvor in den letzten Jahren – und deshalb gibt es an dieser Krise überhaupt nichts schönzureden, oder irgendeinen Sinn hinein zu deuteln. Aber auch in diesem -fürchterlichen„neuen“ Alltag ist Jesus da, vielleicht machtvoll in der ein oder anderen Situation, vielleicht auch nur unerkannt am Ufer, – aber da! Öffnen wir gerade jetzt die Augen für die Zeichen seiner Nähe und die vielen Fremden am Ufer, die dort stehen und vielleicht ER sind.  

In dieser Hoffnung und mit dem Wunsch auf einen Alltag voller Lebens-Fülle, Liebes-Fülle und Hoffnungs-Fülle grüße ich Sie und euch ganz herzlich! 

 

Jessica Lammerse