Geistliches Wort zum Weißen Sonntag

Pastoralreferent Martin Kalff (17. April 2020)

 

Der Sonntag nach Ostern wird auch „Weißer Sonntag“ genannt.Dieser Begriff erinnert daran, dass der eigentliche und ursprüngliche Tauftermin in der frühen Kirche die Osternacht war.  Die Neugetauften trugen dann ihr weißes Taufgewand eine Woche und legten es am Sonntag nach Ostern wieder ab. Im Mittelpunkt des Evangeliums an diesem Tag steht der Apostel Thomas (Johannes 20, 19-31). Thomas war am Ostersonntag nicht dabei, als die anderen Apostel eine Begegnung mit dem auferstandenen Jesus hatten. Er will sich nicht bloß auf ihren Bericht verlassen. „Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in das Mal der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.“  Thomas hat den Wunsch selbst dem Auferstandenen zu begegnen, sich nicht nur auf die Erfahrung Anderer zu verlassen, sondern selbst diese Erfahrung zu machen. Ein bisschen wird er hier wie ein Zwilling unserer eigenen Sehnsucht. Interessanterweise ist das auch sein Spitzname unter den Aposteln – „Zwilling“.

 

Auch wir wünschen uns manchmal eine persönliche Begegnung mit dem Auferstandenen, eine persönliche Ostererfahrung. Wie regiert Jesus? Jesus ermöglicht ihm diese ganz persönliche Begegnung.  Thomas erkennt Jesus an seinen Wunden und sagt dann zu Jesus „Mein Herr und mein Gott!“

 

Was sagt die Erzählung aus dem Johannesevangelium über unsere eigene Sehnsucht nach einer österlichen Begegnung mit Jesus? Aus meiner Sicht sind hier vor allem drei Dinge wichtig:1. Es gibt schon in den Evangelien keine Einheitsostererfahrung, sondern eine Vielzahl verschiedener österlicher Begegnungen mit Jesus.  

 

Dabei erkennen die Menschen Jesus an sehr unterschiedlichen Merkmalen. Maria Magdalena z. B. an seiner Stimme, die Freunde auf dem Weg nach Emmaus am Brotbrechen, einmal eine Gruppe der Apostel in der erlebten Gemeinschaft am Kohlefeuer und schließlich Thomas an seinen Wunden. Die Liste der in den Evangelien bezeugten Ostererfahrungen ließe sich noch verlängern.

 

An welchen Punkten oder Erfahrungen meines Lebensweges habe ich ganz persönlich die Erfahrung neuen Lebens gemacht?  Was ist mein ganz persönlicher Zugang zu Ostern?  

 

Die Erzählung des Evangeliums vom Weißen Sonntag lädt dazu ein, sich danach auf die Suche zu machen – wie der Apostel Thomas.

 

Die Skepsis und der Zweifel des Thomas sind für seine Ostererfahrung wichtig. Sie sind auch immer wieder Teil unseres Glaubensweges.  Wir müssen uns dafür nicht schämen. Unsere Zweifel und unsere Fragen können uns auf unserem Glaubensweg weiterführen, uns auf eine neue Spur bringen. Der heilige Papst Gregor der Große (590-604) sagt dazu sogar: „Zum Glauben nützt uns der Unglaube des Thomas mehr als der Glaube der glaubenden Jünger.“

 

Jesus wird Ostern erkennbar an seinen Wunden. Das finde ich sehr entlastend. Ostern heißt nicht, dass alle Wunden verschwunden sind. Jesus erscheint nicht als Superman ohne Wunden. Oft kann es im Alltag sehr anstrengend sein, unsere eigenen Verwundungen zu verbergen, den Starken zu spielen.  Das heutige Evangelium macht uns Mut, unser Inneres von „Rüstung, Masken und Puder“ zu befreien. Ostern geschieht vielleicht vor allem dort, wo wir uns achtsam und respektvoll auch in unserer Verwundbarkeit begegnen können.

In diesem Sinne wünsche ich uns viele solcher österlichen Erfahrungen.  

 

In herzlicher Verbundenheit,

 

Martin Kalff