Geistliches Wort für den Sonntag

Pfarrer Benedikt Zervosen (zum 29. März 2020)

 

Im Mittelpunkt des Fünften Fastensonntags steht nach alter Tradition das Evangelium von der Auferweckung des Lazarus. Vielleicht wird an diesem bewegenden Wunder – für mich persönlich das größte Wunder, über das die Evangelien uns berichten - noch einmal deutlich, was die Wunder Jesu sind und was sie eben auch nicht sind. Was sie nicht sind: spektakuläre Kunststücke, die die Menschen zum Staunen und Glauben einfach zwingen wollen. Was sie aber auch nicht sind: Rettungsaktionen Jesu, die dem einen – gewissermaßen nach Zufallsprinzip -, dem Jesus begegnet, helfen und ihn befreien, während die vielen anderen, denen ein solches Wunder nicht zuteil wird, schön sehen können, wo sie bleiben und wie es mit ihnen weitergeht. Wie zynisch wäre das denn auch: Millionen und Abermillionen Menschen sind gestorben, und dieser eine, Lazarus, wird gerettet. Und selbst Lazarus ist ja irgendwann auch einmal wieder gestorben – seine Auferweckung wäre dann allenfalls ein mirakulöser Aufschub seines Todes, der ihn ohnehin irgendwann ereilt. So also dürfen wir dieses und auch alle anderen Wunder des Herrn nicht verstehen. Wir dürfen sie aber verstehen als Zeichen! Zeichen der Herrschaft Gottes, die im Kommen Jesu angebrochen ist, Zeichen der Rettung, die dadurch kommt, Zeichen der Liebe, die in Christus in unendlicher Weise in die Welt gekommen ist. Als solches Zeichen ist jedes Wunder nicht eine plumpe Überredung zum Glauben, sondern eine Einladung, auf den Herrn zu vertrauen, ihm als Person zu glauben. Keine geringe Botschaft, wie ich finde, in den schwierigen Zeiten, in denen wir jetzt stehen. Die Wunder Jesu setzen also eine gewisse Offenheit für den Herrn und seine Botschaft voraus und stärken sie zugleich.

So ist in diesen Tagen vor dem Osterfest die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus noch einmal eine besondere Einladung, auf Jesus als den Herrn des Lebens und den Sieger über den Tod zu vertrauen und das Zurückholen des Lazarus ins Leben auch als Zeichen der Rettung für uns zu sehen. So macht uns gerade dieses Sonntagsevangelium neuen Mut, auch in diesen herausfordernden Tagen - angesichts mancher Ängste und Sorgen, in den bangen Zeiten, in denen wir Liebgewordenes zumindest für eine gewisse Zeit aufgeben müssen und selbst die uns so bestärkenden Gottesdienste dieser Festzeit nicht feiern können - auf den Herrn zu vertrauen. Darauf zu vertrauen, dass er bei uns ist und um unsere Not weiß und sie mitträgt. Gerade in der Trauer und Erschütterung Jesu über den Tod seines Freundes wird das neu deutlich. Da ist förmlich mit Händen zu greifen, wie sehr Jesus unter dem Verhängnis des Todes, das den Menschen fesselt und zutiefst bestimmt, leidet und es ihn bewegt. Und diese Bewegung Jesu, dieses Mit-Leiden, ist genau der Punkt, an dem dieses Wunder sich vollzieht, der Tod sein Opfer herausgeben muss. Hier berichtet Johannes nicht nur über irgendein Wunder – hier steht Jesus dem Feind des Menschen und allen Lebens selbst gegenüber, dem Tod. Bis heute ist für uns Menschen kein Kraut gegen diesen Tod gewachsen. Jesus aber steht ihm gegenüber, genau spürend, erfahrend, wie mächtig er ist und wie ohnmächtig der Mensch. Und er überwindet ihn – nicht durch Magie, nicht durch Kraft, sondern dadurch, dass er „er“ ist, das Leben selbst. Das ist Jesu Macht. In dieser Stunde zeigt sie sich, genauso wie in der Stunde der Auferstehung, in der Stunde von Ostern, die Macht Jesu, des Lebendigen, die den Menschen in Liebe diese Macht zuwendet.

Am Lazarus-Sonntag werden wir Zeugen eines erregenden Geschehens, das die Welt mehr verändert hat als alles andere und das im Ostergeschehen sich ganz und für immer verwirklicht: die Rettung aus allem Tod ist in Jesus Christus zu finden, im Leben, das er ist, in der Liebe, die er lebt und schenkt.

 

Ich darf uns allen in diesen Tagen von Herzen wünschen, dass wir gerade die lebensspendende Kraft Jesu Christi an uns, in unserer Welt besonders spüren dürfen.

Bewahren Sie Mut, bleiben Sie gesund und empfangen Sie Gottes Segen und schenken ihn weiter.

 

Ihr Pastor Benedikt Zervosen